
Alexander-Sergei Ramírez
Pedro Ximenez Abrill Tirado
(um 1786 Arequipa, Perú - 1856 Sucre, Bolivia)



PEDRO XIMÉNEZ DE ABRILL TIRADO (1780 - 1856)
"Der Rossini Lateinamerikas" -
Die Wiederentdeckung eines der wichtigsten Komponisten Lateinamerikas
Die Musikgeschichte ist voll von Zufällen und Überraschungen, manche hätte man sich nicht besser ausdenken können. Die Wiederentdeckung der Werke des peruanischen Komponisten Pedro Ximénez de Abrill Tirado (Arequipa, Perú 1780 –Sucre, Bolivien 1856) gehört sicherlich dazu. Seine Werke - es dürften sich je nach Zähl-Art um mehr als 2000 (!) Kompositionen handeln - gehören zu den wichtigsten Zeugnissen lateinamerikanischer Musikgeschichte. Dieses immense Schaffen des Komponisten Pedro Ximénez wurde 2013 in die "Memory of the World" Liste der Unesco aufgenommen.
Der seit seinem Tod völlig in Vergessenheit geratene Komponist galt lange als ein Phantom: in Südamerika kursierten viele Jahrzehnte hinweg Gerüchte über einen peruanischen Komponisten, der von seinen Zeitgenossen „der Rossini Lateinamerikas“ genannt wurde und eine große Anzahl wunderbarer Musik komponiert haben soll. Abgesehen von einer handvoll Kompositionen kannte man aber weder seinen genauen Namen - Ximénez, Jiménes Tirado, Tirado-Abril oder Abrill Ximénez, seine genaue Herkunft oder genauen Lebensdaten.
Erst im Jahre 2004 konnten man einzelne Puzzleteile dieses Mysteriums zusammenfügen. Am Anfang stand der amerikanische Historiker William Lofstrom der seit vielen Jahren in Sucre, Bolivien wohnt. Damals klopfte ein recht ärmlich aussehender Mann an die Türe von Lofstrom und bat ihm einen Stapel Noten zum Kauf an. Lofstrom, der selbst kein Musiker ist und den Wert der handgeschriebenen Noten natürlich nicht sofort abschätzen konnte, kaufte diese Handschriften aus reiner Neugier. In den nächsten Tagen und Wochen kam dieser Mann immer wieder zu Bill Lofstrom um ihm, aber inzwischen leider auch anderen Interessenten in Sucre, Cochabamba und La Paz, weitere Bündel ungeordneter Noten anzubieten. Mit der Zeit stapelten sich in Lofstroms Haus bündelweise Originaldokumente, die er schließlich an das Nationalarchiv in Sucre übergab. Wie es sich herausstellte, handelte es sich bei den plötzlich in vielen Orten Boliviens aufgetauchten Notenhandschriften um einen Großteil der seit fast 150 Jahre verschollenen Kompositionen Perdo Ximénez de Abrill Tirados. Nach einigen Angaben hatte der Verkäufer im Jahr 2000 diese erstaunliche Menge an Noten und Dokumente von seinen vier älteren, verstorbenen Cousinen, wahrscheinlich direkte Nachkommen von Ximénez de Abrill, geerbt, und versuchte die Manuskripte jetzt überall zu Geld zu machen. Diese Cousinen hatten anscheinend in der kleinen Stadt Valle Grande im Bundesstaat Santa Cruz de la Sierra gelebt und diese Handschriften in großen Koffern im Dachboden ihres Hauses aufbewahrt. Glücklicherweise sind die meisten aufgetauchten Noten in einem hervorragenden Zustand.
Welch ungeheurer Schatz war auf diese Weise ans Tageslicht gekommen: ein Großteil seiner Kompositionen, die nach jetzigem Kenntnisstand u.a. 40 Symphonien, 48 Messen, 226 Lieder mit Klavierbegleitung, 50 Walzer für Klavier, weiterhin Sonaten (u.a. für Klavier, für Violine und Klavier und Flöte und Klavier), Hymnen, Märsche, Pasodobles, Tonadillas, Cavatinen und Villancicos sowie handschriftlichen Kopien von Kompositionen anderer europäischer und amerikanischer Komponisten, aber auch viele Gitarrenwerke umfasst. Zwischen einzelner Partiturseiten befand sich auch ein sehr interessantes Dokument: eine, wahrscheinlich vom Sohn des Komponisten handgeschriebene Liste von den Originalkompositionen (sorgfältig mit Preisen versehen), die er damals zum Kauf anbot - offensichtlich vergeblich! Die überlieferten Kompositionen machen deutlich, dass Pedro Ximénez de Abrill nicht nur ein hervorragend ausgebildeter und ungemein fleißiger Komponist war, sondern auch ein exzellenter Gitarrist gewesen sein muß. Unter diesen überlieferten Werke für oder mit Gitarre finden sich z.B. vier Sammlungen von Gitarrenstücken (ca. 100 Kompositionen pro Sammlung!), Werke für Gesang mit Gitarrenbegleitung, für Cello und Gitarre (leider fehlt bislang die Gitarrenstimme) sowie zwei Divertimenti für Gitarre und Ensemble und eines für zwei Gitarren und Ensemble. Fast alle Werke von Ximénez sind uns bis auf zwei Ausnahmen nur handschriftlich überliefert: „Mis pasatiempos“ für Gitarre, sowie die Sammlung von „100 Menuetts für Gitarre“ die im Jahre 1844 bei Ricault, Parent & Cie in Paris in zehn Bänden zu je 10 Menuetts erschienen. In diesen hundert, meist nur 16-taktigen Menuette in A-B Form entfaltet Ximénez de Abrill eine unglaubliche Fantasie und macht aus jeder einzelnen Miniatur ein kleines Meisterwerk. In gewisser Weise erinnern Ximénez de Abrill ´s Kompositionen an die Menuette des spanischen Komponisten Fernando Sor (1778-1839), aber auch an die kurzen Gitarrenstücke „Ghiribizzi“ des italienischen Komponisten Nicolo Paganini (1782-1840) oder die Ländler und Walzer von Franz Schubert (1797-1828). Im Gegensatz zu diesen rein „klassischen“ Kompositionen können und wollen jedoch Ximénez de Abrill´ Menuette durch ihre melancholischen Färbungen, den Harmoniewendungen und Verzierungen ihre peruanische Herkunft nicht leugnen. Zaghaft verbindet Ximénez immer wieder die klassisch europäischen Kompositionsformen mit folkloristischen Elementen seines Heimatlandes, so wie es später in ausgeprägteren Art Agustin Barrios-Mangoré oder Antonio Lauro in ihren Werken machen sollten. Somit kann man Ximénez de Abrill als das Verbindungsglied – „the missing link“ - zwischen den Gitarren-Komponisten der klassischen Epoche wie Sor, Giuliani oder Carulli und den uns jetzt so beliebten südamerikanischen Gitarrenkomponisten wie Barrios, Villa-Lobos, Lauro oder selbst Yupanqui ansehen.
Ganz im Gegensatz über den Umfang und der Vielfalt der Sammlung, wissen wir sehr wenig über das Leben des Komponisten Ximénez de Abrill Tirado. Er wurde 1780 in Arequipa, Perú, geboren, war Kapellmeister an der dortigen Kathedrale und lebte und komponierte später in der peruanischen Hauptstadt Lima. Dort befreundete er sich mit Andrés de Santa Cruz an, der zuerst Präsident Perús und später Präsident Boliviens werden sollte. Als großer Bewunderer des Komponisten verpflichtete er den 55-jährigen Ximénez als Kapellmeister der Kathedrale von Sucre, Bolivien mit einem stolzen Gehalt von 500 Silber-Pesos pro Jahr.
Neben seinen Diensten als Kirchenmusiker war Ximénez de Abrill Professor für Musik am Junín College der Künste und Wissenschaften und lehrte auch an einer Schule für Waisenmädchen. Als Kapellmeister war er verantwortlich für rund ein Dutzend Musiker, einen kleinen Chor und sechs Chorknaben. Einige von den jungen Musikern - wahrscheinlich von Ximénez adoptiert - wohnten zusammen mit ihm und seiner Familie in einem großen Haus, dass sie 1835, zwei Straßenzüge von der Kathedrale entfernt, gekauft hatten. Das Jahr 1839 bedeutete der Wendepunkt im Leben von Ximénez: Präsident Santa Cruz musste aus politischen Gründen Bolivien verlassen und ins Exil nach Frankreich gehen und so verlor Ximénez seinen wichtigsten Freund und Mentor. Die folgenden Präsidenten Boliviens hatten für die Künste des Komponisten nichts übrig und strichen seine festen Stellen und Gehälter. Ximénez wurde quasi über Nacht Mittellos und starb 1856 völlig verarmt in Sucre. Sein Name geriet langsam in Vergessenheit und seine Kompositionen verschwanden spurlos.
Mit der Wiederentdeckung der Werke von Pedro Ximénez muss die Geschichte der klassischen Musik in Lateinamerika neu geschrieben werden - die Quantität und besonders die Qualität dieser Notensammlung von sakraler und weltlicher Musik ist ohne Beispiel. Die große Vielfalt der Kompositionen, angefangen von ernsten liturgischen Gesängen bis hin zu einer großen Zahl Sinfonien, Konzerte für Soloinstrumente und sogar einer Skizze der Ouvertüre zu einer Oper mit dem Namen „El Tío y la Tía“ (Der Onkel und die Tante) stellen Ximénez de Abrill auf einen der vordersten Plätze in der Geschichte der klassischen Musik in Lateinamerika. Ximénez de Abrill` Gitarrenwerke, allen voran seine 100 Menuette, gehören sicherlich zum Wertvollsten, was je für dieses Instrument geschrieben wurde.
Es wartet allerdings noch viel Arbeit mit der Aufarbeitung des Werkes von Ximénez de Abrill: Auffinden verschollender Werke, Zusammenführung aller bekannten Manusikripte, Katalogisierung, Analyse, Herausgabe und Einspielungen. Musikwissenschaftler wie z.B. Carlos Seoane oder Manuel Izquierdo König setzen sich gemeinsam mit Bill Lofstrom und Octavio Santa Cruz sehr für Ximénez de Abrill` Werk ein, das inzwischen leider auf sehr verschiedene Archive und z.T. privaten Sammlungen in ganz Bolivien verstreut ist. So kommt es unglücklicherweise vor, dass viele Partituren getrennt sind, dass z.B. manche Stimmen einer Symphonie in dem einem Archiv, andere Stimmen des gleichen Werkes sich jedoch in einem anderen befindet. Auch sind mit Sicherheit noch lange nicht alle Werke aufgetaucht. Natürlich kann keiner wissen, wie viele Werke in Privatsammlungen oder anderen Orten schlummern oder gar unwiederbringlich verloren sind. Man kann gespannt sein, was wir noch alles von diesem Komponisten erfahren oder welche Werke noch zu Vorschein kommen werden. Anfang des Jahres wurde z. B. in Sucre bei der Restaurierung eines alten historischen Spiegels sehr viele Noten von Ximénez de Abrill gefunden - sie befanden sich - quasi als Dämm-Material - zwischen Spiegel und Rückwand. Die Geschichte um Pedro Ximénez bleibt also spannend und ist immer für Überraschungen gut!